Die Kanüle ist der der entscheidenste Part in meinem Leben, ohne sie kann ich nicht mehr leben. Von daher mag ich sie schon sehr aber immer wieder macht se mir mein Leben auch schwer. Bzw. manchmal sind wir einfach nicht mehr im Gleichklang.
Die Kanüle macht mich hilflos. Ich benötige 24 Stunden an jedem Tag des Jahres Hilfe. Im Idealfall kommt es nicht zu diesem Punkt, an dem es um Alles geht aber potenziell kann es zu jeder Zeit an jedem Ort zu diesem Fall kommen. Das gilt für jeden tracheotomierten Menschen! Dies ist bei uns die Indikation für die häusliche Intensivpflege. Alle evtl. anderen Einschränkungen sind sekundär, sie werden natürlich aber mit betreut und gepflegt.
Die Kanüle kann sich jederzeit durch Trachealsekret zusetzen. Die Menge und die Konsistenz sind von Mensch zu Mensch verschieden. Bei nichttracheotomierten Menschen wird dieses Sekret über den Mund-/Rachenraum (unterstützt durch abhusten) ausgeschieden. Was ändert sich nun mit der Kanüle? Zum Einen wird eine vermehrte Sekretproduktion angeregt durch den generellen Fremdkörper und zum Anderen ist nun ein anderer Weg nötigt. Alles muss über die Kanüle raus. Das Sekret muss durch diesen längeren Fremdkörper hindurch. Das auch noch nach oben. Physikalisch nicht so einfach…
Wie löst man nun dieses Problem? Durch Inhalation (meistens nur NaCl) über die Kanüle soll sich das Sekret lösen und leichter herauszubringen sein. Patienten mit starken „Hustendruck“ schaffen es in vielen Situationen selbst abzuhusten (ist bei mir der Fall). Die Mehrheit benötigt aber immer die Absaugung. Dabei wird ein Katheter in die Kanüle geführt und das Absauggerät saugt das Sekret raus. Das Absauggerät nicht dabeizuhaben, wenn man das Haus verlässt, wäre grob fahrlässig… Zuhause hat man sowieso zwei Absauggeräte, falls eines mal ausfallen würde. Das Absaugen birgt aber auch ein Problem, je öfter abgesaugt wird (und auch je tiefer) desto mehr Reize werden gesetzt, die zu einer vermehrten Sekretproduktion führen, so dass wieder mehr Absaugbedarf entsteht… Kann also zum Teufelskreis werden.
Ich selber bekomme zwar meistens mein Sekret ohne Absaugen hoch, habe jedoch das Problem, dass ich teilweise eine hohe Sekretlast habe. Und das Sekret sehr dickflüssig ist trotz Inhalation. Manchmal ist es zäh, fast wie Gummi. Solche Momente haben dazu geführt, dass ich oft Notfallsituationen hatte, in denen das zähe, klumpige Sekret die Kanüle zugesetzt hat. Das Lumen (Innenraum der Kanüle) wird so verengt, dass die Luft nicht mehr ausreichend durchkommt. Entweder langsam oder auch schlagartig bekommt man dann keine Luft. In so einem Fall, dass sich die Kanüle zusetzt, hat man ungefähr 90 Sekunden bis man bewusstlos wird. Und dann auch der Sauerstoffmangel im Körper beginnt mit entsprechenden Folgen und letztendlich dem Tod. Inzwischen habe ich ein Gespür für diesem Fall und lasse dann sofort meine Kanüle wechseln. In den alten Kanülen sind dann teilweise verklebte Plocken zu sehen. Einmal war höchstens noch 1/5 des Lumens offen. In der Anfangszeit als ich für einige Monate im Betreuten Wohnen lebte, hatte ich meinen Rekord. Innerhalb von 55 Stunden benötigte ich 4 Kanülenwechsel (gut einer wurde fehlerhaft ausgeführt und wurde dann von der nächsten Pflegekraft korrigiert, das ging dann nur noch mit neuer Kanüle, die anderen 3 waren jedoch nötig, weil die Kanülen sich zusetzen.
Dabei kommen wir zu dem Punkt Kanülenwechsel, der immer auch Komplikationen birgt. Der schlimmste Fall ist, dass die neue Kanüle einfach nicht mehr reingeht (später mehr zu meinen Erfahrungen damit). Und dann können Verletzungen gesetzt werden, Blutungen ausgelöst werden.
Wie oft de Kanüle gewechselt wird, hängt von der Art der Kanüle ab und dann spielt noch der wirtschaftliche Faktor eine Rolle. Ich habe den Eindruck, dass man inzwischen Wechsel hinauszögert, um Kanülen einzusparen. In meinem damaligen Betreuten Wohnen wurde damals alle 7 Tage die Kanüle gewechselt, inzwischen spricht man dort nur von alle 14 Tage. Versorger versuchen weniger Produkte zu liefern, da diese nur Pauschalen bekommen.
Meiner Erfahrung nach wird es problematischer, je länger eine Kanüle genutzt wird. Sie klebt dann häufiger an der Trachea, ist verbogener. Die Gefahr der Blutungen wird größer, die Trachea ist gereizter.
Ich wechsele geplant alle 7 Tage zum Schichtwechsel, wenn zwei Pflegekräfte anwesend sind (Risikominimierung, damit im Notfall die zweite Kraft 112 rufen könnte). Habe aber immer wieder das Problem (denke in der Hälfte der Fälle) dass ich gar nicht die 7 Tage schaffe, Manchmal verschlucke ich mich minimal und kleine Partikel setzen sich in die Kanüle. Manchmal finden meine Haare den Weg ins Tracheostoma und reizen. Kleinigkeiten lösen Reize aus, die erst durch dem Wechsel aufhören. Diese zweiten Fälle treten dann teilweise schlagartig zu jeder Zeit an jedem Ort auf. Einmal während des Überquerens einer 6 spurigen Straße. Kaum war ich auf der anderen Seite angekommen musste ich die Kanüle ziehen. Meistens merke ich aber, dass sich etwas anbahnt und wir können dann in Ruhe wechseln.
