Es ist Mitte August 2019 und Jens Spahn tritt in mein Leben mit seinem Reha-und-Intensivpflege-Stärkungsgesetz (RISG). Dieses wird mein Leben komplett verändern. Es wird mir jegliche Lebensqualität nehmen.
Bisher lebte ich die letzten sechs Jahre zuhause mit einer „24 Stunden Intensivpflege“. Nach dem neuen Gesetz werde ich gezwungen in einem Pflegeheim zu leben. Es wird keine Selbstbestimmung mehr für mich existieren. Aber auch der Umfang meiner Pflege wird extrem eingeschränkt.
Jeder spricht von Inklusion, für mich wird es Exklusion werden. Ich werde nicht mehr am normalen Leben teilnehmen können.
Atemlos zu sein kenne ich. Bisher war es aber nur mein eigener Körper oder menschliche Fehler, die mich dazu gebracht haben. Noch nie war es eine systematische, geplante Herbeiführung dieses Zustandes. Doch genau das ist es diesmal und das auch noch durch den Staat. Der Staat unter dessen Schutz ich bisher dachte zu stehen.
Hinter all dem steht ein rein wirtschaftlicher Faktor. Wir tracheotomierte und/oder beatmete Patienten kosten angeblich zu viel.
Ja unsere Versorgung kostet. Zahlen sind einfach zu ermitteln, da die Kosten zu einer hohen Prozentzahl die Personalkosten für die Pflege sind.
Sind wir nur die Ausnahme oder der Anfang, dass unsere Gesellschaft sich bestimmte Krankheitsbilder nicht mehr leisten will? Werden demnächst vielleicht bestimmte Krebserkrankungen nicht mehr behandelt, weil sie mehr kosten als andere? Wer entscheidet in welches „Töpfchen“ wir fallen?
Aber zurück zu mir, ich kenne die Blicke vieler Menschen wenn ich mich in der Öffentlichkeit bewege. Ich falle durch meine Trachealkanüle auf. Das sieht man eben doch nicht so oft im normalen Alltag. Man stellt sich Fragen. Mir stellt man sie nicht. Damit habe ich gelernt umzugehen. Doch nun ändert sich etwas. Es ist öffentlich gemacht worden, was ich pro Monat koste. Ich bin zum Abschuss freigegeben. Bisher haben andere Menschen sich Gedanken darüber gemacht, wie ich mit der Kanüle lebe, ob sie so leben wollen würden etc. aber wohl kaum, was ich koste und ob ich das wert bin.
Fast zwei Tage kann ich nicht mehr klar denken, ich bin verzweifelt. Komme nicht zur Ruhe. Schlafe nicht. Habe Atemprobleme.
Dann finde ich die Petition Lasst Pflegebedürftigen ihr Zuhause! Stoppt das Intensivpflegestärkungsgesetz
Das gibt mir den Anschub wieder aktiv zu werden, ich teile in einer weiteren schlaflosen aber diesmal produktiveren Nacht die Petiton.
Ich finde andere Betroffene im Netz, die offene Briefe an Jens Spahn schreiben.
Einen Tag später bin ich in der Lage selber Briefe zu schreiben So gibt es nun auch meinen Brief an Jens Spahn. Ob ich glaube, damit etwas zu bewirken? Ich weiß es nicht aber es geht mir jetzt ein wenig besser. Hier ist mein Offener Brief an Jens Spahn. Außerdem schreibe ich an Karl Lauterbach von der SPD, den Behindertenbeauftragten der Bundesregierug Jürgen Dusel und Verena Bentele vom Sozialverband VdK.
Danach beginne ich diese Seite…
Mein Weg in die Intensivpflege (den ich demnächst ausführlicher aufschreiben werde) war der klassische Weg der auch im Reformgesetz gefordert wird und den die Deutsche Interdisziplinäre Gesellschaft für außerklinische Beatmung vorsieht. Die DIGAB erklärt das in ihrer Presseerklärung zum Reha- und Intensivpflege-Stärkungsgesetz (RISG) recht gut.
Ich benötigte wegen einer hier irrelevanten medizinschen Krise künstliche Beatmung. Dazu ist ein künstliches Koma nötig. Durch Komplikationen dauerte der Beatmungsprozess länger als gedacht. Nach dieser Zeit klappte es nicht, dass ich selbständig atmen konnte. Es wurde entschieden, dass ich einen Luftröhrenschnitt brauche, damit ich dann beatmet werden kann ohne im künstlichen Koma zu liegen. Und dann langsam von der Beatmung entwöhnt werden kann.
Mit der Trachealkanüle (das ist die Kanüle, die in die Luftröhre führt und über die man nun atmen muss) und der damlas 24 Stunden Beatmung wurde ich auf eine Weaningstation verlegt. Eine Weaningstation ist eine Station auf Intensivstationniveau, auf der das eigenständige Atmen gelehrt wird. Das ist für die meisten Paienten sehr anstrengend.
Ich hatte das Glück auf der Weaningstation einer renomierten Lungenfachklinik „zu landen“. Dafür musste ich allerdings auch in dem Akkutkrankenhaus warten, was wiederum zu Komplikationen geführt hat. Hätte ich drei Wochen früher den Platz auf der Weaningstation bekommen, wäre wahrscheinlich vieles einfacher geworden. Aber es gibt kaum Weaningstationen, vor mehr als 6 Jahren waren es noch weniger…
Leider gehöre ich mit dem Weg über eine Weaningstation zu der Minderheit der Patienten. Der Leiter „meiner“ Weaningstation sagte mir vor drei oder vier Jahren, dass immer mehr Patienten eine Kanüle und Beatmung in Akkutkrankenhäsuer bekommen und so dann nach Hause geschickt werden. Der Druck auf die Akkutkrankenhäuser ist groß, vorhandene Weaningstationen sind voll. (Jens Spahn hat anscheinend noch nicht bemerkt, dass es die Kapazitäten im Bereich des Weanings gar nicht gibt, damit alle Patienten professionell geweant werden können.) Die DIGAB kämpft seit Jahrezehnten für eine Verbeserung der Situation, das hat bis jetzt die Politik wohl nicht interessiert.
In den letzten mehr als 6 Jahren, die ich miterlebe, wird der Druck auf die häusliche Intensivpflege immer größer. Der allgemeine Pflegekräftemangel schwebt über Allem wie ein Damoklesschwert. 2013 hatte mein Pflegedienst wenig Probleme in der Akquise neuer Pflegekräfte. Heute ist der „Markt“ leergefegt. Für uns Patienten bedeutet das, es mit auch mit jenen Pflegekräften versuchen zu müssen mit denen es z.B. im Zwischenmenschlichen nicht stimmt. Das wird dann doch auch anstrengend, denn wir benötigen ja die 24 Stunden Nähe zu den Pflegekräften. 2019 bedeutet Intensivpflege für mich, dass ich mich mehr zurücknehmen muss. Diese Entwicklung scheint manchmal regelrecht eine Prüfung zu sein (nur im Heim wäre all das ja noch schlimmer).
Nicht nur der allgemeine Pflegekräftemangel drückt in der Intensivpflege sondern auch den Anstieg der tracheotomierten und/oder beatmeten Patienten aber auch Änderungen bei den Anforderugen für die häusliche Intensivpflege.
Zum allgemeinen Pflegekräftemangel brauche ich nichts zu sagen, der ist der Öffentlichkeit bekannt.
Der Anstieg an Patienten kommt durch den Anstieg von Krankheiten wie z.B. ALS und COPD. Aber auch der Tatsache, dass man Wachkoma-Patienten, die nicht beatmet werden müssten, trotzdem ihre Kanüle behalten lässt, damit diese Patienten ausreichend versorgt werden können. (Dieser Weg wird dann gegangen weil es keine andere Möglichkeiten gibt ihre Pflege qualitativ aufrechtzuerhalten und Angehörige sonst extreme Kosten übernehmen müssten. Warum gibt es dort keine Regelung, die eine vernüftige Versorgung ermöglicht auch ohne die Kanüle. Die nötigen Kosten wären dann erheblich geringer, weil man dort ja keinen 1 : 1 Schlüssel bräuchte.)
Auch bei den Anforderungen an die häusliche Intensivpflegekräfte gibt es keinen Mittelweg, der die Kosten verringern könnte. Bzw. es gab in den letzten Jahren sogar noch Einschränkungen. (Da kann man sich schon die Frage stellen, ob das so angedacht war um die Intensivpflege heute nun so in Frage stellen zu können.)
Früher dachte ich es gibt examinierte Pflegekräfte und Pflegehelfer. Aber nein es gibt examinierte PflegeFACHkräfte, examinierte Pflegekräfte und Pflegehelfer. Nur die ersten dürfen in der häuslichen Intensivpflege arbeiten. Dies sind die Kranken-, Kinderkranken- und Altenpfleger*innen. Die zweite Gruppe der Examinierten sind Heilerziehungspfleger (Versogung und Betreuung behinderter Menschen). In der „normalen Pflege“ gelten Heilerziehungspfleger als gleichwertig zur ersten Gruppe. Nicht im Intensivbereich. Zumindest nicht mehr, in meinem Anfangsjahren waren sie geduldet dann schlagartig nicht mehr. Diese Verschärfung führte in den letzten Jahren dazu, dass viele Heilerziehungspfleger nun noch die Altenpflegeausbildung zusätzlich machen mussten, um weiter im Intensivbereich zu arbeiten. (Auch da entstanden unsinnige Kosten für die zusätzliche und in weiten Teilen unnütze Ausbildung.) Alle Heilerziehungspfleger ohne die Zusatzausbildung zum Altenpfleger fehlen dem Intensivbereich, dabei sind gerade sie dafür ausgebildet einen einzelnen Menschen zu begleiten. Sie wissen von Anfang an, dass es um Assistenz im Leben des Patienten geht. Ein sich zurücknehmen, den Patienten so selbstbestimmt wie nur irgendwie möglich zu lassen. Aber auch in anderen Momenten wiederum zu fördern, zu motivieren. Bereiche, die in der Krankenpflegeausbildung gar nicht vorkommen und in der Altenpflegeausbildung auch nur sehr reduziert.
Was ist häusliche Intenivpflege eigentlich? Alles was nicht in einer stationären Einrichtung (Krankenhaus, Pflegeheim) erfolgt. Reine Beatmungsheime gibt es extrem selten. Inzwischen gibt es Heime, die Beatmungsstationen haben. Aber auch davon gibt es auch noch nicht so viele.
Jede andere Unterbringungsform ist häusliche Intensivpflege. A) zuhause in der eigenen Wohnung B) in einer WG (die angeprangerte 5 Zimmeraltbauwohnung, in der die Pflegekräfte in der Küche sitzen. Das muss aber so sein, weil der Pflegedienst kein Arbeitszimmer haben darf, da es dann keineWG mehr ist) C) in einem Betreuten Wohnen, das sind dann Zimmer oder Appartments für die Patienten und Arbeitsbereiche für die Pflegekräfte. Die Betreuten Wohnen sind gerade im baulichen Bereich mit Heimen gleichgesetzt. (Ich selber war für einige Monate in einem Betreuten Wohnen, in dem mehr als 10 Patienten auf meiner Etage waren. Das fühlte sich schon nach Heim an, allerdings mit einem besseren Personalschlüssel).
Die Entstehung dieser „Betreuten Wohnen“ ist bisher nicht gerade von der Politik bzw. dem Staat unterstützt worden. Ich kenne zwei Einrichtungen, die Jahre gebraucht haben bis sie endlich öffnen durften. Obwohl es einen Mangel an Plätzen gab.
Wer benötigt häusliche Intensivpflege? Wer hat einen Rechtsanspruch? In der aktuellen Diskussion gerade wird ja nun immer nur von Beatmung gesprochen. Und dass man die dann bei den Patienten durch Weaning wegbekommen könne und dann der Intensivpflegebedarf wegfällt. So einfach ist das aber nicht. Das trifft nur auf Patienten zu, die in einer akkuten medizinischen Krise ihre Beatmung bekommen haben. Wenn die Beatmung auf Grund einer chronischen Krankheit benötigt wird, wird sich der Bedarf durch das Weanen nicht aufheben, sondern höchstens ein wenig reduzieren aber nicht so sehr, dass dort dann Pflegekräfte eingespart werden. Bei den meisten chronischen Krankheiten wird sich der Bedarf eher mit der Zeit erhöhen.
Aber selbst ohne Beatmung gibt es den Rechtsanspruch auf häusliche Intensivpflege. Dazu reicht die Trachealkanüle. Diese birgt nämlich die Gefahr, dass sie sich jederzeit durch Trachealsekret zusetzen kann und damit der Atemweg innerhalb extrem kurzer Zeit blockiert wird. In dem Fall geht es dann um Sekunden.
Damit komme ich wieder zu meinem Weg in die häusliche Intensivpflege zurück. Ich bin also zum Glück auf der Weaningstation. Über mehrere Wochen komme ich auf gute beatmungsfreie Zeiten. Ich bin (in diesem Fall) „erst“ um die 40 Jahre alt. Bin nicht lungenkrank. Die Beatmungsunterstützung nachts bzw. kurze Phasen tagsüber sollen nun von der invasiven Beatmung über die Trachealkanüle auf eine nicht-invasive Beatmung durch eine Maske umgestellt werden.
Der Versuch die Kanüle durch einen Platzhalter zu ersetzen scheitert. Ich kann damit nicht ausreichend atmen. Es stellt sich heraus, dass ich eine Trachealstenose (Verengung der Trachea=Luftröhre) habe. Bei mir haben sich im Bereich des Stomas Granulome (Gewebewucherungen) gebildet. Diese Wucherungen können evtl. bei einem Kanüelnwechsel problematisch werden aber sie beeinträchtigen nicht die Atmung durch die Kanüle. Sobald die Kanüle aber draußen ist, wird der Platz in der Luftröhre enger. Ich bekomme nicht ausreichend Luft, unabhängig davon ob ich beatmet werde oder nicht.
Meine Zeit auf der Weaning ist durch die Feststellung dieser Tatsache schlagartig vorbei, dort kann man mir nicht mehr helfen. Mir wird klar gesagt, dass ich mich auf ein Leben mit Kanüle einstellen soll. Vielleicht wird es in einem halben bis einem Jahr möglich sein, die Granulome für immer zu entfernen aber oft kommen sie wieder.
Die Weaningstation muss mich nun schnell entlassen, damit neue Patienten aufgenommen werden können. Ich hatte zu der Zeit schon einen Platz in einer guten Frühreha sicher, nur war der erst in 6 Wochen frei. Nun muss schnell eine andere Reha gefunden werden. Man verlegt mich.
Dort habe ich nach wenigen Tagen mitten in einer Nacht einen sehr schlimmen Notfall. Ich verblute fast, nachdem es bei einem Notfalkanülenwechsel zu Komplikationen kommt. Nachdem meine Kanüle gezogen ist kollabiert meine Luftröhre, die neue Kanüle geht einfach nicht mehr rein. Auch da habe ich einmal wieder Glück, nämlich dass ein Oberarzt zufällig um 3 Uhr nachts wegen eines anderen Notfalles in der Klinik ist. Ohne ihn hätte ich es nicht überlebt. Mein Notfall dauert um die 45 Minuten, davon „verpasse“ ich wohl drei bis vier Minuten. Sonst bekomme ich alles sehr klar mit. Ich bekomme den Kampf der Ärzte und Pflegekräfte mit. Habe um die 10 Personen um mein Bett stehen. Ich kämpfe mich hoch, sinke wieder tiefer, ich höre die Sauerstoffwerte, erfasse wo es kritisch wird. Höre Panik in den Stimmen, erlebe den Oberarzt, den ich vorher noch nicht kannte, als Einzigen der Ruhe vermittelt.
Niemand weiss damals genau, warum es zu diesem extremen Notfall kam. Im Verdacht sind natürlich die bestehenden Granulome. Die sollen nun dort in der HNO-Abteilung entfernt werden. Die HNOs lehnen aber ab, das sofort zu tun. Sie wollen frühestens nach 6 Monaten die Granulome entfernen, da eine zu frühe Entfernung den Wachstumsprozess noch einmal anfachen könnte. (Diese Meinung kannte ich ja schon von meiner Weaningstation.)
Von dem Leiter der Reha wird mir Ostermontag noch ein „schöner“ Vorschlag unterbreitet. Er hätte sich mit einer Koryphäe der Thoraxchirurgie in Verbindung gesetzt. Man könne mch jederzeit zu einer Voruntersuchung in die andere Stadt bringen lassen. Auf meine Frage was denn überhaupt sein Plan sei, verkündet er mir fast stolz, dass mir die Luftröhre aufgeschnitten werden soll, der Teil, in dem sich die Granulome befinden wird rausgeschnitten und dann wird die Luftröhre wieder zusammengefügt. Mir kommen bei dieser Vorstellung (und dem dazugehörigen OP Risiko für mich) die Ostereier vom Sonntag fast wieder hoch. Frage dann nur noch, ob er das bei sich selbst machen lassen würde. Er kann das zumindest nicht bejahen. Ich stelle dann nur noch fest, dass ich dann erst mal die 6 Monate warte und es dann mit der Entfernung der Granulome versuche.
Und nun komme ich wieder in das Dilemma der Krankenhäuser, Weaningstationen und Rehaeinrichtungen. Das Kapazitätenproblem und primär die Frage der Bezahlung, die Kassen übernehmen natürlich nichts mehr, wenn nichts mehr gemacht werden kann für einen Fortschritt dort vor Ort.
Generell ist der Plan gewesen nach der Reha kommt die Rückkehr ins eigene Zuhause. Ein Intensivpflegedienst wurde schon eingeschaltet. Nur ist so ein Dienst nicht sofort einsatzbereit, dieser Dienst muss ungefähr 5 volle Stellen besetzen (mt ausschliesslich examinierten Pflegefachkräften). Kein Pflegedienst hat diese Kräfte frei. Damals nicht und heute schon gar nicht. Es braucht Anlaufzeit.
Man sagt mir, ich soll ins Beatmungspflegeheim im Nachbargebäude… Ich bin über 200 km von meiner Heimatstadt entfernt. Bin inzwischen schon seit über 6 Wochen dort. Mein Intensivpflegeteam für zuhause wird noch mindestens 6 Wochen brauchen. Ich bekomme Panik. Ich weiss im Heim sind die Therapien eingeschränkt und natürlich auch der Personlschlüssel. Aber schlimmer noch, das erste Mal fühle ich mich abgeschoben. Bisher war der Wechsel vom Akkutkrankenhaus zur Weaning und dann zur Reha begleitet von Menschen, die immer mein Bestes wollten, jede Verlegung sollte für mich etwas bringen. Diesmal geht es nicht mehr primär um mich, diesmal will man mich einfach nur loswerden. Ich bin der Kostenfaktor, den man sich nicht leisten will bzw. nicht kann!
Ich nehme panisch Kontakt zu „meiner“ Weaningstation in meiner Heimat auf. Man kümert sich sofort um mein Problem. Nach 30 Minuten erfahre ich, dass ich nun auf dem ersten Platz einer Warteliste eines „Betreuten Wohnens“ in meiner Heimatstadt bin. Und dass dort gerade jemand am sterben ist, dieser Platz bald frei werden wird. Mit dieser Info bekomme eine kleine Pause in der Reha, man „parkt“ mich auf einer anderen Station. Dort muss ich noch zwei Wochen ausharren, an denen ich jeden Tag gefragt werde, ob der andere Patient schon tot ist und ich verlegt werden kann. Durch die Verlegung auf die andere Station erlebe ich, dass ich schon nicht mehr ausreichend betreut werde. Der Personalschlüssel ist schlechter. Die Pflegekräfte scheinen teilweise auch wenig über Kanüle, Beatmung zu wissen. Als Krönung erlebe ich „Gewalt in der Pflege“. Ich bin Diabetikerin und ein Pfleger spritzt mir gegen meinen ausrücklichen Willen zu viel Insulin. Ich hatte ihn darauf hingewiesen, dass die Menge für mich bei dem damaligen Wert zu hoch sei gerade auch um so in die Nacht zu gehen. Er entzieht mir das Wort, in dem er meine Kanüle blockt, ich damit kein Sprechventil mehr nutzen kann, weil ich sonst ersticken würde. Dann spritzt er einfach drauf los. Neben diesen Verschlechterungen bei der Pflege lastet aber der kommende Tod des anderen Patienten auf mir. Ich warte, dass er stirbt. Ein beklemmendes Gefühl obwohl ich weiss, dass er sterben wollte, sein Angehörige sich das auch wünschen.
In dem „Betreuten Wohnen“ blieb ich dann länger als erwartet, der zuerst ausgesuchte Pflegedienst hat sich als nicht richtig herausgestellt, es wurde dann ein anderer.
Danach beginnt mein Leben mit einem 24 Stunden Intensivpflegedienst. Nach einigen Monaten zuhause wurde dann das Thema Granulome angegangen. Sie wurden weggelasert. Überraschenderweise sah es viel besser aus als erwartet. Die Freude war groß. Alle dachten ein Leben ohne Kanüle ist möglich.
Das war Freitag Nachmittag, in der Nacht auf Sonntag benötige ich einen Notfallkanülenwechsel, der klappt nicht komplikationslos. Ich wache auf der Intensivstation wieder auf, kämpfe mal wieder gegen das gebeutelt zu werden an. Diesmal wird schnell alles besser. Mittwoch kurz bevor ich nach hause kann, werde ich noch einmal bronchoskopiert. Zum Glück bin ich dabei sediert, denn nun passiert genau das, was wohl auch in dem Notfall in der Rehaklinik passiert ist. Meine Luftröhre kollabiert. So dramatisch, dass nun in einer OP mein Stoma verändert wird, damit die Gefahr des Kollabierens während eines Kanülenwechsels minimiert wird. Das klappt. Seit 5 Jahren ist „toitoitoi“ nichts mehr passiert. Nur steht seitdem fest, dass ich die Kanüle nun für immer benötige, damit sie die Luftröhre so auseinander hält, dass diese eben nicht kollabieren kann.
Dies ist meine Indikation für die häusliche Intensivpflege, ob ich dabei beatmet bin oder nicht ist kein Unterschied. (Ich bin in der Zeit beatmet, in der ich schlafe.)
Herr Spahn was machen Sie nun mit mir? Ich bin den Weg gegangen, den Sie fordern.
Schaffen Sie die Möglichkeiten, die Patienten zu weanen, bei denen es möglich ist, niemand möchte mit Beatmung leben, niemand möchte 24 Stunden an jedem Tag auf einen anderen Menschen angewiesen sein. Stecken Sie Geld in diesen Bereich! Nur bleiben immer wir anderen Betroffen, die nur durch eine häusliche 24 Stunden Intensivpflege leben können.
Bei meiner eigenen Versorgung könnten wir gemeinsam übrigens Geld einsparen. Ich habe zwei Möglichen meine Intensivpflege zu organisieren. Entweder suche ich mir einen Intensivpflegedienst (dieser darf nur ex. PflegeFACHkräfte einstellen) oder ich nehme das Arbeitgebermodell (in dem darf ich neben den PflegeFACHkräften auch Heilerziehungspfleger einstellen aber auch Helfer, einfach Jeden auch ohne jegliche Vorkenntnisse). Ich selber bin nicht komplett bereit für das Arbeitgebermodell, dort stehe ich ganz allein bei Akquise der Kräfte aber auch bei der generellen Organisation. Ich habe kein Problem einen Dienstplan zu schreiben aber wie soll ich Ausfälle kompensieren? Was ist wenn jemand kündigt oder schlimmer noch krank oder schwanger wird? Ich habe gute Tage aber manchmal auch schlechtere, wie soll das gerade auch an schlechten gehen?
Als sich vor drei Jahren der Pflegekräftmangel bei mir verschärfte, habe ich meine Krankenkasse um eine Zwischenlösung gebeten. Mein Vorschlag war halb Pflegedienst und halb Arbeitgebermodell. Bzw 3/5 Pflegedienst und 2/5 Arbeitgebermodell. Das war mit meinemPfegedienst abgesprochen. Man hätte so kurzfristige Ausfälle bei meinen 2 Kräften aus dem Arbeitgebermodell abgefedert. Ich wäre beim Risiko nicht komplett allein gewesen.
Was passierte? Das wurde abgelehnt. Es gibt für mich nur entweder oder. Lieber zahlt man mehr. Begründung war, die Kasse weiss ja nicht, ob die Organisation dann wohl klappen würde… Davor wurde ich beschützt! Wahrscheinlich werde ich auch vor Heilerziehungspflegern beschützt!
Es gebe so viel Potential für Geldeinsparungen aber auch für die Akquise von mehr Pflegekräften. Warum keine Begutachtungen, ob wirklich exmaminierte PflegeFACHkräfte benötigt werden? Das stelle ich gar nicht für jeden Intensivpatienten in Frage, gerade da die meisten multimorbid sind und Pflege auch in anderen Bereichen brauchen. Aber viele Patienten brauchen einfach nur Menschen, die angelernt sind, den Atemweg freizumachen (kann ja gerne ein Fortbildungskurs erforderlich sein). Auch die bestausgebildetesten PflegeFACHkräfte dürfen bei einer Beatmung nichts verändern. Auch die bedienen nur die Maschinen, die von (hoffentlich Fach-) Ärzten eingestellt werden. Eine ex. PflegeFACHkraft bringt nicht per se Qualität. Diese Erfahrung habe ich in einen erheblich größeren Teil gemacht als mir lieb ist.

Hallo Anna Trachea – cooles Pseudonym 😉
Trotz des ganzen Spahnsinns aus dem BMG den das RISG auslöste tut es inzwischen ungemein gut zu sehen wie viele Betroffene sich solidarisieren und gemeinsam für ihre Selbstbestimmung kämpfen.
Wir hören damit auch nicht auf – versprochen.
Liebe Grüße von den Petitionserstellern aus Berlin 😉
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